Schreibarena – Memento Mori

Verehrte Wortarkobaten,

ich eröffne das Wortgefecht mit meinem Beitrag Memento Mori. Zu meiner Überraschung hat mich jener Satz, der meine Geschichte, von König Zufall geführt, einleitet, in unerwartete Gefilde geführt. Eigentlich hatte ich erwartet, mein Beitrag würde ein wenig heiterer ausfallen, doch so kann man sich irren. :- )

Selbstverständlich ist die Schreibarena übrigens nach wie vor an wagemutigen Buchstabengladiatoren interessiert. Jeder, der Spaß und Freude daran hegt, einen Beitrag im Schreibsand aufzustellen, soll uns herzlich willkommen sein. Folgende Teilnahmebedingungen gilt es jedoch zu beachten:

Die Regeln:

  • Jeder ist herzlich dazu eingeladen am Schreibwettbewerb teilzunehmen.
  • Kennzeichnet eure Beiträge mit dem Schlagwort: Schreibarena
  • Optional dürft ihr sie selbstverständlich auch unten in den Kommentaren verlinken. Dann erstelle ich gern eine Liste, damit wir alle Teilnehmer auf einen Blick zusammenhaben.
  • Jeder Teilnehmer verpflichtet sich dazu, die Beiträge seiner Kontrahenten zu lesen und am Ende der Schreibphase ein Vote abzugeben. Ob ihr die Kurzgeschichten eurer Rivalen kommentiert, ist selbstverständlich jedem selbst überlassen, doch freut man sich doch immer über ein Feedback ;- )
  • Der Sieger des jeweiligen Wettbewerbszyklus bestimmt die Aufgabe für den Folgemonat, die wiederum jeweils am 01. für euch veröffentlicht wird.
  • Die Schreibphase dauert jeweils vom 01.-20. des Monats. Vom 21. – 25. wird abgestimmt.

So weit, so gut, Fellas. Nun habe ich mir für den ersten Wettbewerbszyklus folgende Aufgabe für euch ausgedacht:

Nehmt das Buch zur Hand, in dem ihr derzeit lest, und schlagt es wahllos auf. Nehmt den ersten vollständigen Satz auf der aufgeschlagenen Seite, um mit eurer Kurzgeschichte zu beginnen.

Bei mir sieht das dann folgendermaßen aus:

Buch:

Die Flüsse von London von Ben Aaronovitch

Erster Satz auf der 72. Seite:

Nach zwei Jahren Jagd auf Betrunkene am Leicester Square hatte ich eine ziemlich gute Kondition, deshalb holte ich tatsächlich ein wenig auf.


Memento Mori

Nach zwei Jahren Jagd auf Betrunkene am Leicester Square hatte ich eine ziemlich gute Kondition, deshalb holte ich tatsächlich ein wenig auf. Dennoch holte ich das Mädchen an der nächsten Wegbiegung nicht ein, so wie ich es siegessicher vermutet hatte, sondern stand nun wie der Ochse am Berg zwischen kargen Häuserschluchten und starrte ins Leere. Die Verdächtige war fort. Die Straße vor mir war verwaist, wie man es von ihr zu nachtschlafender Stunde erwartete, doch noch immer lag der süße, merkwürdig vertraute Duft von Winterlilien in der Luft. Weit konnte sie nicht gekommen sein. Sie, die mir bereits seit Jahren ein immerwährendes Mysterium darstellte.

Es ist wahr, mir lief besagtes sonderbare Frauenzimmer in dieser Nacht nicht zum ersten Mal über den Weg. Doch stets dann, wenn ich ihr begegnete, geschahen Dinge, die sich auf geradezu grauenerregende Weise in meine Erinnerungen ätzten. Vielleicht war es die Furcht davor, auch heute vor der schrecklichen Seite der Münze namens Leben nicht gefeit zu sein, die mich dazu antrieb meine Beine in die Hand zu nehmen und ihr hinterherzurennen. Ja, möglicherweise rannte ich ihr auch weniger hinterher, als schlichtweg wie ein feiger, nasser Hahn davon, allerdings zwängte sich mir die Erkenntnis, vor dem Schicksal nicht einfach flüchten zu können, wie brennendes Gift durch Mark und Bein.

Eine Erkenntnis, die für mich überdies auch kaum mehr von der Hand zu weisen war, als der ferne Singsang kreischender Sirenen durch den Äther meines aufgewühlten Verstandes drang. Der lange Arm des Gesetzes nahte. Und das schrille Tönen der Polizeisirenen erinnerte mich mahnend daran, dass auch ich meine Pflicht zu erfüllen hatte. Trotzdem gelang es mir nicht auf Anhieb, einfach zu gehen. Aufmerksam tastete ich mit Blicken das nahe Umfeld ab, hoffend und bangend zu gleichen Teilen, das Mädchen möge sich arglos aus einer der ungezählten schattigen Nischen schälen und sich mir offenbaren.

„Ich weiß, dass Du da bist!“, rief ich zu meiner eigenen Überraschung aus, noch bevor mir klarwurde wie lächerlich das war. Als hätte sich eine flüchtende Person jemals nach einem solchen Ausruf dazu berufen gefühlt den Schutz eines sicheren Unterschlupfs zu verlassen. Also wehte mir wie erwartet ehernes Schweigen entgegen, umso mehr ließ mich das metallische Knacken meines Funkgeräts zusammenfahren, dem sogleich eine blecherne Stimme folgte, die ich ohne weiteres Federlesen meiner Partnerin zuordnen konnte.

Tango Whisky an Zentrale“, ließ Zoe verlauten, „Officer im Einsatz niedergeschossen! Fordere Verstärkung und medizinische Hilfe ein.“ Ihre Stimme zitterte leicht, was mich schaudern ließ. Zoe war keine Frau, die sich von der Welt so rasch unterbuttern ließ. Dennoch war es nicht das unverkennbar angespannte Vibrieren in ihrer Stimmklangfarbe, die mich irritierte, sondern viel mehr die Frage, von welchem Einsatz denn die Rede war. Mir fiel auf, dass ich mich an die letzten Stunden meines Lebens nicht mehr erinnern konnte, lediglich noch daran, wie mir der Duft von Winterlilien in die Nase kroch und meine Füße geradezu geistesgegenwärtig zum Sprint ansetzten.

Zentrale an Tango Whisky“, scholl es unverzüglich nach einem weiteren Knacken durch den Äther des Polizeifunks, „Verstärkung und Rettungsdienst sind unterwegs.“ Mir fiel auf, dass Zoe es versäumt hat ihren Standort zu nennen, was mich vermuten ließ, dass der Vorfall wenige Minuten zuvor von einem guten Bürger bereits gemeldet worden war und daher keine weiteren Informationen von Nöten gewesen sind. Das würde wohl auch erklären, weshalb mich die Polizeisirenen bereits seit einigen Minuten schroff darauf hinwiesen, dass es Zeit war, den Humbug hier zu beenden. Ich rannte wie ein Tölpel Geistern nach und kein geringerer Gedanke veranlasste mich dazu mir mürrisch in den Bart zu grummeln. Ein letzter Blick noch warf ich die verwaiste Straße entlang und wandte mich dann ab.

Ein zischender Laut, als fülle jemand mit einem erschrockenen Atemzug die Lungen, ließ mich innehalten. Und noch bevor ich auf meinen Polizeistiefelabsätzen hätte kehrtmachen können, traf meine Ohren eine Stimme, die mich unweigerlich an einen Spaziergang im ersten Schneegestöber des Jahres erinnerte:

„Geh nicht!“, sprach es aus den verwinkelten Nischenschatten zwischen grau in grauen, urbanen Häuserschluchten zu mir hin, ehe sie sich nur wenige Atemzüge später gerade mal zwanzig Schritte von mir entfernt aus der Dunkelheit schälte. Das Mädchen hatte sich hinter dem riesigen Müllcontainer eines abgehärmten Asia-Imbisses vor mir versteckt. Und nun, da ich ihr zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, musste ich das gedanklich erstellte Profil von ihr überarbeiten, denn sie war kein Mädchen, sondern eine junge Frau. Zu jung, um in meinem Alter an ihr Gefallen finden zu dürfen, wie mich mein rechtschaffenes Gewissen scharf ermahnte. Dennoch schaffte ich es nicht gänzlich diese Wärme von mir zu weisen, die sich unweigerlich im Zentrum des Herzens bis hin zu den entlegensten Winkeln meines Leibes ausbreitete.

Ihr rabenschwarzes, hüftlanges und offenes Haar, das leise im mondlosen Nachthimmel wogte; die schmale Statur ihres wohlgeformten Körpers und das filigrangeschnittene Antlitz, aus dem mir wachsam sturmgraue Augen entgegenblickten – all das war geradezu darauf ausgelegt einen Mann, insbesondere einen Gesetzeshüter, an seine urtümlichen Instinkte zu erinnern. Mit Mal verspürte ich das unstillbare Bedürfnis, auf sie zuzugehen. Elfenbeintürme zu errichten, auf deren ehernen Zinnen sie die Scheiße erst gar nicht riechen musste, die einem jeden Neuzeitmenschen oftmals mehrmals täglich um die Ohren flog.

„Wer bist Du?“ Fand ich nach gefühlten Ewigkeiten, verpackt in eine geschlagene halbe Minute, meine Stimme wieder.

„Memento“, antwortete mein wunderschönes Gegenüber unverzüglich, womit sie mir ein dunkles, unzufriedenes Schnauben abverlangte.

„Das ist kein Name“, wies ich sie seicht zurecht, „Und selbst wenn, klänge er mir für eine junge Frau ein wenig zu männlich.“

„Dann nenne mich Mori“, schlug sie sanftmütig lächelnd vor.

„Memento Mori“ Mich schauderte aus unerfindlichen Gründen. Bereits zum zweiten Mal an diesem Abend spürte ich eiskalten Schweiß in einem feinen Rinnsal über mein Rückgrat fließen, versuchte es mir jedoch weitestgehend nicht anmerken zu lassen. „Erinnere Dich, dass Du sterblich bist“, tat ich stattdessen die Bedeutung ihres Namens kund, ehe ein liebreizendes Lächeln des Mädchens Antlitz erhellte. Ihr leises Kichern flog wie ein Schmetterling über eine Frühlingswiese durch die winterkarge, trostlos verwaiste Straße, doch verlor es sich viel zu rasch in einem ernsten Gesichtsausdruck.

„Du musst nicht gehen“, sagte sie dann auf eine Weise, die mir unverkennbares Unwohlsein ins Knochenkleid trieb. „Es gibt hier nichts mehr, was auf Dich wartet. Du hast alles gehört und gesehen, was es für Dich zu hören und zu sehen gab.“ Eine unheilschwere Gewissheit war ihrer Stimme zu entnehmen, die es einem schwermachte daran zu zweifeln. Dennoch fühlte ich Argwohn in mir keimen. Ein eingeimpfter Unglaube, wie es sich ein pflichtbewusster Polizist bereits in der Grundausbildung aneignete.

Ein leises Lachen entfloh meiner Kehle, doch klang es merkwürdig unsicher. Untypisch für einen Mann, von dem man mit Fug und Recht behauptete, beinahe unerschütterlich zu sein. Und gleichwohl ich den Worten der jungen Dame nur wenig Bedeutung zumaß, schlug mein reges Interesse an ihr in nackte, zehrende Angst um. Eine Furcht, so wenig greif- und nachvollziehbar, dass sie mich mit voller Breitseite erwischen konnte.

„Du tätest besser daran, den Heimweg anzustreben, Memento Mori“, wies ich sie nun etwas forscher zurecht, „Und Du kannst von Glück reden, dass ich Besseres zu tun habe, als Deinem Geheimnis auf den Grund zu gehen.“ Eine versteckte Drohung, die seltsam hohl klang. Mori sah dies offenbar nicht anders, denn anstatt sich duckmäusernd aus der Affäre zu ziehen, schenkte sie mir ein neues lächeln.

„Hast Du nicht…“, antwortete das Mädchen geduldig. Langsam hob sie ihre Hand an, um mit dem Zeigefinger auf meine Brust zu zeigen. Nur widerwillig folgte ich ihrem Fingerzeig mit Blicken und was sich meinem Augenmerk grausig offenbarte, ließ das Blut in meinen Adern klamm werden.

Ein riesiges Loch klaffte in meiner Brust, doch spürte ich keinen Schmerz. Warum zur Hölle, so schoss es mir herbe durchs Gedankengut, fühlte ich keinen Schmerz?

„Wir führen dieses Gespräch heute nicht zum ersten Mal“, half sie mir des Weiteren auf die Sprünge und mit Mal sah ich es klar vor meinem geistigen Auge aufblitzen. Ich erinnerte mich, und ich verstand, doch war mein von einer Kugel durchschlagenes Herz nicht imstande es zu akzeptieren.

„Erinnere Dich an Deine…“

„Nein!“, schnitt ich ihr unverfroren das Wort vom feingeschwungenen Lippenpaar. Meine Stimme zitterte vor Zorn, doch hallte sie von keiner der weißgetünchten Fassaden wider, die uns umgaben. „Das kann ich nicht.“ Nun beschlich mich jene Erkenntnis, der ich mich mit keiner Faser meines Seins erwehren konnte. Ich hatte dieses Gespräch tatsächlich schon geführt. Mehrere Male! Und es endete immer auf dieselbe Weise.

Mit dem vertrauten Duft nach Winterlilien und mit mir. Ich renne! Mit dem Vergessen auf den Fersen oder ebendiesem entgegen vermag ich nicht zu sagen, doch eines ist gewiss. Ewig kann ich diesem teuflischen Spießrutenlaufen nicht mehr standhalten. Der Tod wird mich holen, sobald ich mich meiner Sterblichkeit entsinne.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Oh wow, sehr spannend und mysteriös. Vllt sollte ich doch lieber nicht teilnehmen… 😅😜

    Gefällt 2 Personen

    1. lyrikfeder sagt:

      Ach was *g* In Sachen Mystik und Spannung bist Du Doch vorn dabei :- )

      Gefällt 1 Person

  2. Lopadistory sagt:

    Deine Geschichte ist sehr wortgewaltig und richtig spannend …Danke.

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    1. lyrikfeder sagt:

      Vielen lieben Dank fürs Lob und Lesen :- ) Hat mich sehr gefreut

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      1. Lopadistory sagt:

        Bin sehr beeindruckt 😊

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  3. Tolle Geschichte!
    Gern würe ich mich beteiligen. Allerdings weiß ich nicht, ob ich da mithalten kann.
    Ich will es versuchen.
    Vielen Dank für die Anregung!
    Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. lyrikfeder sagt:

      Hi Kain,
      erst mal danke fürs Lob und willkommen bei mir. Es freut mich, dass Du mich gefunden hast. Was die Teilnahme an der Schreibarena angeht, musst Du überhaupt nicht schüchtern sein! Hab neugierigerweise bereits gestern Abend mal bei Dir reingelesen und Deinen Schreibstil auf Anhieb gemocht. Es soll auch keine Frage des Mithaltens, sondern eine des Miteinanders sein. Nicht das Messen, sondern die Freude am Schreiben an sich hat den Grundstein zum Wettbewerb gelegt. Trau Dich also ruhig, denn ein klein wenig Zeit bleibt ja noch 🙂 Ich freue mich drauf, von Dir zu lesen.

      Liebe Grüße
      Lyrikfeder

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